Belaid Baylal

Wer war Belaid Baylal?

Der Marokkanner war zum Zeitpunkt des schwerwiegenden Angriffs am 08. Mai 1993 35 Jahre alt und lebte schon fast ein Jahrzehnt in Bad Belzig, Lkr. Potsdam Mittelmark, im Asylbewerberheim im Weitzgrunder Weg[1]. Von den dort tätigen Sozialarbeiter_innen wird er als zurückhaltend und still beschrieben[2]. Während seiner Zeit in Marokko war er Gewerkschafter und Mitglied der „Partei für Fortschritt und Sozialismus“ und kämpfte in den 1980er Jahren in seinem Heimatland für die Einheit von Bauern und Arbeitern, gegen die herrschenden, feudalen Arbeitsverhältnisse und die korrupte Verwaltung[3]. Weil er mehrere Streiks organisierte und wegen seiner politischen Tätigkeiten im Allgemeinen wurde er mehrfach verhaftet und gefoltert. Aus diesem Grund flüchtete er über die Länder Algerien und Libyen in die Bundesrepublik[4].

Der Tathergang

Am Abend des 08. Mai ging Belaid Baylal gemeinsam mit vier anderen Bewohnern des lokalen Asylbewerberheims in eine Gaststätte in der Brücker Landstraße in Bad Belzig. Am späteren Abend, circa um 23 Uhr, betreten die beiden jungen Männer (17 und 22 Jahre alt) Mario K. und Dirk L. das Etablissement und beginnen sofort die fünf Männer aus dem Asylbewerberheim rassistisch zu beschimpfen. Dabei fliegen auch einige Flaschen. Aus diesem Grund verlassen drei Asylbewerber das Lokal, nur Belaid und sein Freund wollen noch ihr Bier austrinken. Die Situation spitzt sich immer weiter zu, gegen Mitternacht werden die beiden Jugendlichen handgreiflich. Sie schupsen Belaid von seinem Stuhl und schlagen wiederholt auf ihn ein. Mario K. hält dabei sein Opfer fest, während Dirk L. ihm in die Magengrube schlägt. Belaids Freund ergreift indessen die Flucht. Unklar ist jedoch, ob sich diese Szene in oder außerhalb der Gaststätte abspielte[5].

Der Arzt stellt später fest, dass Belaid ein stumpfes Bauchtrauma davon trug, welches besonders den Dünndarm betraf. Durch eine Operation konnte dieser zunächst geheilt werden.

Die Gerichtsverhandlung

Ungefähr ein Jahr später, am 28. März 1994 fand die Verhandlung im Amtsgericht in Brandenburg an der Havel statt. Die beiden Täter waren bei dieser geständig und gaben an, Ausländer nicht zu mögen und sie waren der Ansicht sie hätten deutsche Gaststätten nicht zu besuchen[6]. Aus diesem Grund sieht der vorsitzende Richter einen fremdenfeindlichen Hintergrund als erwiesen an. Dirk L. wird zu einer fünfmonatigen Bewährungsstrafe und Mario K. zu 15 Arbeitsstunden und einer Geldbuße von 300 DM verurteilt[7].

Nach der Tat

Belaid verbringt nach dem brutalen Übergriff mehr als vier Wochen im Krankenhaus, 14 Tage davon auf der Intensivstation.

Zwei Monate nach dem Angriff erleidet Belaid einen lebensgefährlichen Darmverschluss, welcher jedoch operativ behoben werden konnte. Schon zu diesem Zeitpunkt prognostizierte ein ärztliches Attest, dass „mit bleibenden Folgen in Form von Darmverwachsungen gerechnet werden“ muss, „die zu neuen Darmverschlüssen führen können.“[8]. Im Mai 1997 kommt es wieder zu einem solchen Darmverschluss, der stationär behandelt wird.

Am 04. November 2000 stirb Belaid nach einem wiederholten Darmverschluss an den Spätfolgen des Angriffs. Dadurch, dass die Zeitungen „Tagesspiegel“ und „Frankfurter Rundschau“ den Mord als (neo)nazistisch einordnen, begründet liegt dies in der Aussage der behandelnden Ärzt_innen, die die Darmverschlüsse als Spätfolgen des rassistischen Angriffs ansehen, kommt es in Bad Belzig zu einer Debatte über die Errichtung eines Gedenksteins[9]. Diese wird dabei maßgeblich von dem Verein „Belziger Forum“ und der „Jugend-Antifa Belzig“ vorangetrieben[10]. Spätestens ab dem Jahre 2002 entsteht eine intensive Diskussion auch in der Belziger Stadtverordnetenversammlung. Nach langen Diskussionen, über die Gedenkpolitik in der Stadt, wurde im April 2003 die Errichtung eines Gedenksteins für Belail von der Stadtverordnetenversammlung beschlossen[11]. Am 03. November 2003, einen Tag vor dem dritten Todestag von Belail, wurde der Gedenkstein, mit der Aufschrift „Belaid Baylal, 1958 – 2000, Die Toten mahnen immer noch“, eingeweiht[12]. Dieser befindet sich vor der Post. Die letzte Gedenkveranstaltung am Stein fand im Jahr 2004 statt, seither gibt es kein öffentliches Gedenken mehr[13].

Am 09. November 2010 werden der Gedenkstein und das Mahnmal für die Opfer des Faschismus geschändet. So wurde ein Blumengebinde zerstört und zwei Aufkleber mit (neo)nazistischen Inhalten auf die Gedenksteine geklebt[14]. Am gleichen Tag wird der „Baum der Gleichheit“ ausgerissen und das Infocafé „Der Winkel“ angegriffen[15].

Belaid Baylal gehört nicht zu den neun Todesopfern (neo)nazistischer Gewalt, die in der offiziellen Statistik des Landes Brandenburg aufgezählt sind, obwohl der verhandelnde Richter einen fremdenfeindlichen Hintergrund als erwiesen ansieht[16]. Im Rahmen eines Forschungsprojektes des Potsdamer Moses-Mendelssohn-Zentrums werden neben diesem Fall auch 22 weitere Fälle auf einen möglichen (neo)nazistischen Hintergrund untersucht[17]. Das Ergebnis soll voraussichtlich im Jahr 2015 vorliegen. Es bleibt somit zu hoffen, dass Belaid Baylal als „Todesopfer rechtsextremer Gewalt“ anerkannt wird. In diesem Sinne:

NIEMAND IST VERGESSEN

[1] Zum Beispiel Belzig: Das Leben und Sterben des Belaid Baylal, Belziger Forum e. V., 2003, 13
[2] Zum Beispiel Belzig: Das Leben und Sterben des Belaid Baylal, Belziger Forum e. V., 2003, 13
[3] MAZ, 25.11.2002
[4] MAZ, 25.11.2002
[5] Zum Beispiel Belzig: Das Leben und Sterben des Belaid Baylal, Belziger Forum e. V., 2003,6
[6] Zum Beispiel Belzig: Das Leben und Sterben des Belaid Baylal, Belziger Forum e. V., 2003, 6
[7] MAZ, 25.11.2002; Die Zeit, 16.09.2010
[8] Die Zeit, 16.09.2010
[9] Tagesspiegel, 06.03.2006; Die Zeit, 16.09.2010
[10] MAZ, 12.12.2002
[11] MAZ, 26.04.2003
[12] MAZ, 03.11.2004
[13] MAZ, 07.05.2004
[14] PNN, 12.11.2010; PNN 13.11.2010; MOZ, 01.12.2010
[15] http://www.aktionsbuendnis-brandenburg.de/aktuelles/rechte-gewaltserie-bad-belzig; PNN, 18.11.2010
[16] MAZ, 12.03.2013
[17] MAZ, 12.03.2013

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